Die Heidelberger Altstadt

Wenn ich im Sommer auf dem Markplatz sitze, stelle ich mir die Heiliggeistkirche vor, wie sie mir aus den vergangenen 600 Jahren erzählt. Welch trefflicheren und besseren Chronisten könnte ich haben als dieses majestätische Gebäude das erhaben über die Altstadt wacht und um dessen Mauern das tägliche Leben braust.

In leiser und monotoner Weise werden mir Geschichten aus über einem halben Jahrtausend berichtet. Darunter traurige wie jene über die Plünderung und Zerstörung Heidelbergs im Jahre 1693 und davon wie die damaligen Bewohner unter dem brennenden Dach der Heiliggeistkirche Schutz suchten und leider keinen fanden. Kurioses wie jene Erzählung über die Mauer, welche im Inneren 200 Jahre lang bis 1936 die Evangelischen von den Katholischen trennte. Interessantes wie der Bericht über die Feuerwächter, die bis in das letzte Jahrhundert auf ihrem Turm “Hochwache” hielten, ausgerüstet nur mit einer Laterne oder Flagge, um der Feuerwehr den Weg zu weisen – oder auch nicht.

Ich trinke meinen Kaffee, schließe die Augen und lausche weiterhin den vielen Erzählungen. Ich beneide diese Kirche um ihre Möglichkeit, in alle Ewigkeit Chronist einer Stadt zu sein, die Friedrich Hölderlin (1770-1843) wie folgt beschreibt:

Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging,
Und herein in die Berge
Mir die reizende Ferne schien,

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
All' ihm nach, und es bebte
Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goß

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Efeu; freundliche Wälder
Rauschten über die Burg herab.