Das Tapfere Mädchen

Der Zweite Weltkrieg ging seinem Ende zu. Die deutschen Truppen zogen sich vor den nachdrängenden Amerikanern zurück. Dabei kam es dort, wo noch Widerstand geleistet wurde, zu heftigen Kämpfen und zu Zerstörungen der Ortschaften. Auch Heidelberg drohte kurz vor Ostern 1945 das gleiche Schicksal. Nur wo die Bevölkerung weiße Tücher aus den Fenstern hängte, rückten, die Amerikaner ohne einen Schuß vor. Deshalb faßten einige einsichtige Bürger der Stadt am Gründonnerstag ein Herz und begaben sich in das Hauptquartier, um über die Übergabe zu verhandeln. Bald kehrten sie zurück, um von ihrer Absprache die deutschen Truppen zu verständigen.

Gerade waren sie auf der Neuenheimer Seite an den Neckar gekommen, da gingen sämtliche Brücken in die Luft. Jede Verbindung mit dem Heidelberger Ufer war somit unmöglich, besonders da alle Schiffe versenkt worden waren. In einem Bunker bei der Neuen Brücke hörten die Insassen davon. Drei Mädchen entschlossen sich sofort, noch in der Nacht die Parlamentäre über den Neckar zu bringen. Sie holten ein verstecktes Faltboot, und eines der Mädchen, Anni Tham, setzte, während die feindlichen Granaten einschlugen, die Parlamentäre nach der Stadt über, stand doch das Schicksal tausender Mitbürger auf dem Spiel. Dreimal mußte das tapfere Mädchen fahren. Nach einer Stunde hatte sie es geschafft. Die Männer konnten nun die deutschen Truppen verständigen, und die Stadt war durch diese Tat gerettet.

Aus: Reinhard Hoppe: Heimat um Heidelberg