Die zweite Zerstörung 1693

Donnerstag 21. Mai 1693

Auf die erste Kunde vom Herannahen der Feinde hatten sich in der Stadt dieselben Vorgänge abgespielt wie vor drei Jahren. Eine allgemeine Auswanderung war im Gange. Doch wer noch hinauswollte, hatte sich zu beeilen, den der ortskundige Melac der schon 1689 in Heidelberg einmarschierte, hatte schon einige tausend Mann über die Berge geführt und die Stadt von Osten her abgesperrt. Auch im Norden wurde die Stadt umstellt. Die Truppen Ludwig des XIV bauten eine Schiffsbrücke nach Neuenheim und gingen auf das andere Ufer hinüber. Gegen Abend gab es nur noch einen Punkt, wo die Stadt offen war, gegen Nordosten. Wenn man an der Stelle der alten Brücke über den Fluß setzte und sich die Hirschgasse hinaufwandte, konnte man zuletzt noch der Entschließung entrinnen.

Freitag 22. Mai 1693 (Der französische Befehlshaber berichtet an König Ludwig XIV)

Im Feldlager vor Heidelberg, den 24. Mai 1693

Nachdem die Feinde am Morgen des 22. gemerkt hatten, daß sie von unseren feuernden Batterien eingekreist seien, glaubten sie den vorderen Teil der Vorstadt nicht mehr halten zu können und wollten ihn am hellichten Tag aufgeben, so daß die Herren de Chanülly, Chaumazel und die Herren des Regiments Picardie, die diese Absetzbewegung wahrgenommen hatten, und Herr de Vaubecourt, der den Graben zur Linken mit dem zweiten Bataillon de Picardie geöffnet hatte, das dem ersten gefolgt war, den Feind in dem Augenblick am Tor angriffen, als er seine Posten, die er gerade verlassen hatte, wieder einnehmen wollte. Und sie trieben sie bis in die Stadt zurück, deren Tor die Feinde schlossen. Aber die Grenadiere des Regiments Picardie nahmen es sich mit Axthieben vor, brachen es trotz ziemlich heftigen Gewehrfeuers auf und drängten den Feind bis zum Schloßtor zurück, das die besagten Feinde vor 500 ihrer eigenen Leute verschlossen, die wir gefangennahmen oder töteten.

Beim Rückzug vom Schloßtor wurden die Herren des Regiments Picardie unter heftiges Gewehrfeuer genommen. Dabei haben sie einen Leutnant der Grenadiere verloren, und etwa 20 Grenadiere wurden getötet oder verwundet. Was den Angriff von Melac angeht, so ist man ungefähr auf die gleiche Weise vorgegangen. Ein gewisser Boisrobert, Hauptmann des Regiments Guyenne, stieg, nachdem er bemerkt hatte, daß die Feinde die Sternschanze aufgaben, mit seiner Abteilung von 60 Mann und zwei Leutnanten vom gleichen Regiment zu einem ihm gegenüberliegenden Bollwerk hinab. Er nahm das besagte Bollwerk und drang in die Stadt ein, wo er zwei Fahnen eroberte und die Feinde vor sich hertrieb.

Nachdem das gesamte Feldlager das gesehen und erfahren hatte, daß die Stadt eingenommen sei, stürzten sich die Soldaten, die Kavallerie und die Dragoner, auf sie und plünderten sie, ohne daß es Herr de Chamilly hätte verhindern können. Weder der Marschall de Choiseul noch ich noch alle Offiziere, die die Stadt betraten, konnten bei dieser Plünderung die Ordnung wiederherstellen, da man eine solch große Menge Wein gefunden hatte, daß man den entstandenen Verlust nicht abschätzen kann.

Ich hatte entdeckt, daß Herr de Chamilly in die große Kirche 300 Kriegsgefangene mit mehreren Bürgern und Frauen gebracht hatte, die er retten wollte. Zur gleichen Zeit ließ der Feind einen Kapuziner in die Stadt herunterkommen, um einen Waffenstillstand zu erbitten. Wir nahmen an und ließen das Feuer auf allen Seiten einstellen. Der Kapuziner kam und ging mehrmals, und der Schloßkommandant ließ einen Oberstleutnant und einen Stadtrat mit herauskommen. Ich sagte Herrn de la Frézeliere, er möge sich dieser Waffenruhe bedienen, um unsere Mörser und Kanonen kommen zu lassen und sie während dieser Feuerpause aufzustellen. Aber nachdem mir der Oberstleutnant gesagt hatte, daß der Gouverneur nicht kapitulieren könne, ohne zuvor bei Seiner Durchlaucht dem Prinzen Ludwig von Baden um Erlaubnis nachgesucht zu haben, der ihm befohlen hatte, bis zum äußersten auszuhalten, schickte ich sie alle zurück, weil ich ihnen diese Forderung nicht erfüllen wollte. Ich ließ dennoch die Verhandlungen durch Herrn Desalleurs fortführen, der dem Gouverneur und der Garnison alles Erdenkliche ausmalte, um sie zur Aufgabe zu zwingen.Da er aber sah, daß er zu keinem Ende kommen konnte, schlug er ihnen vor, noch einige Offiziere zu mir zu schicken, was sie auch taten.

Aber ich war in die Stadt ausgewichen, um nicht so bald mit diesen Offizieren zu sprechen, die mir den gleichen Vorschlag machen wollten, den sie schon gemacht hatten, und um Zeit zu gewinnen, damit unsere Kanone und unsere Mörser in Stellung gehen konnten. Danach sprach ich mit diesen Offizieren, die mir den gleichen Vorschlag machten wie zuvor und den ich gleichermaßen wie beim ersten Mal zurückwies, so daß sie, nachdem sie ins Schloß zurückgekehrt waren und unsere Kanone und unsere Mörser erblickt hatten, zurücksteckten und um eine Kapitulation in aller Form nachsuchten. Diese sandten sie mir zu, aber ich strich die Artikel, die mir nicht genehm waren, und stimmte ihrer Kapitulation zu, von der ich Eurer Majestät eine Kopie zuschicke. Obwohl diese schon am selben Abend unterschrieben worden war, konnte Herr de Chamilly sie erst um die Tagesmitte veranlassen, das Tor zu öffnen. Wir alle kamen gestern, um sie zum Abzug zu bewegen, und ich bin mit mehreren Offizieren die ganze Zeit dort geblieben, um unsere Soldaten daran zu hindern, die Garnison zu plündern, wozu sie mehr als große Lust hatten, denn sie waren noch zum größten Teil betrunken. Dies hat mich dann gehindert, die Post an Eure Majestät früher abzuschicken Die gefangenen Soldaten, die Herr de Chamilly hatte in die große Kirche bringen lassen, setzten die beiden Glockentürme in Brand. Von ihnen aus breitete er sich in der ganzen Stadt aus, ohne daß man seiner Herr werden konnte, denn alle Häuser sind aus Holz und eng aneinandergebaut. Und ich glaube auch, daß einige unserer Trunkenbolde Feuer in einigen Häusern gelegt haben mit dem Ergebnis, daß die ganze Stadt und fast die gesamte Vorstadt abgebrannt sind, was äußerst schade ist.

Ich hatte indessen alles unternommen, was ich konnte, um das Feuer löschen zu lassen und um alle Mehlvorräte zu retten. Davon sind jedoch welche verbrannt, und man hat mir zwei Magazine vor dem Niederbrennen bewahren können, worin schätzungsweise 300 Tonnen lagern. Die Schloßbesatzung, die aus ungefähr 1800 Mann bestand, die zum großen Teil sehr schlechte Soldaten sind, ist abgezogen. Man hat 40000 Pfund Pulver, 10000 Pfund Blei in Barren, 7000 Pfund als Kugeln, 5000 geladene Granaten, 100 Bomben. 12 Bronzekanonen, 10 Kanonen aus Eisen und einiges Gerät vorgefunden.

Aber von all dem wird Herr de la Frezeliere eine genauere Aufstellung machen, die ich Eurer Majestät zuzuschicken die Ehre habe. Wir sind auch im Besitz der Brücke, die die Feinde über den Neckar geschlagen hatten. Sie ist die schönste und die am besten gebaute, die Herr de la Frezeliere jemals gesehen hat. Ich werde sie nach Philippsburg bringen lassen.

Ich erteile den Befehl, daß alle Befestigungen, die der Feind errichten ließ, und alle Mauern der Stadt und der Vorstadt angerissen werden sollen. Was das Schloß angeht, so glaube ich, daß man es auch sprengen soll. Ich werde Eurer Majestät einen genaueren Bericht zuschicken, wenn ich es inspiziert habe. Es gibt nämlich Leute, die mir gesagt haben, daß das Schloß noch sehr gut erhalten sei; und diejenigen, die seinen Zustand am allerschlechtesten finden, sagen, daß es gut und gerne sechs oder sieben Tage einer Belagerung standgehalten hätte. Ich werde befehlen, daß es während der ganzen Zeit, die wir jenseits des Rheins sind, erhalten bleibe.

Wenn Eure Majestät es für richtig halten, werden wir während dieser Zeit an den Minengängen arbeiten. Ich lasse heute einen allgemeinen Inspektionsbericht über die Armee Eurer Majestät anfertigen, den ich die Ehre habe mitzuteilen.

Ich weiß nicht, ob Seine Durchlaucht Prinz Ludwig von Baden schon irgendeine Truppenbewegung unternommen hat, Wenn ich kann, werde ich befehlen, ihm so schnell wie möglich nach Heilbronn entgegenzumarschieren. Aber ich befürchte, daß wir aus dem Elsaß nicht genügend Pferde erhalten können, um die sechs Belagerungsgeschütze und den großen Troß mit Mehl mitzufuhren. Ich werde dennoch das Beste, was ich kann, daraus machen und nichts außer acht lassen, um zu versuchen. Eure Majestät in jeder Hinsicht zufriedenzustellen, um Ihr meinen Eifer zu zeigen.

Mit tiefem Respekt bin ich, Sire, Eurer Majestät untertäniger gehorsamer und treuer Diener und Untertan.

Marschall de Lorge

Im Feldlager vor Heidelberg am 24. Mai 1693 um 5 Uhr nachmittags

Ausschnitt aus Roland Vetter: Heidelberg deleta