Der Hendsemer Leb

Erzählt von Hans Flaig

Ich weiß, daß mich in Handschuhsheim kein Sauermilchschnauzer mehr anschnuppert und bei der "Bämbl" (OEG) - Haltestelle am "Anhalter Bahnhof" (Gasthaus "BadischerHof" ), wo ich mir zuweilen zwei Teller Metzelsuppe und eine Schlachtplatte genehmige, oder oben am Mühlbach beim "Bachlenz" eine Schüssel voll gerösteten Kartoffelsalat mit Schwartenmagen und Preßkopf zu Gemüte führe, die Althandschuhsheimer von mir abrücken, wenn ich die Geschichte vom "Hendsemer Leeb" zum Besten gebe.

Awa was wohr is, därf ma sage !

Es war im Jahre 1878 als auf dem Neckar die Dampf Kettenschlepper-Schiffahrtslinie mit dem Frachtverkehr von Mannheim bis Heilbronn eröffnet wurde und der Schlepper mit seinen nicht hintereinander, sondern nebeieinander stehenden Rauchkaminen zum ersten Mal stromaufwärts dampfte, rasselte und zischte.

Beim Schwabenheimer Hof ließ er aus seinen beiden, auch nebeneinander angeordneten Sirenen, ein gewaltiges Festgeheul über die gottgesegneten Fluren Handschuhsheims erschallen. Die "Hendsemer Margdweiwa" (Die Magdfrauen von Handschuhsheim) auf den Gemüsefeldern deuteten dieses Geheul als das Brüllen eines ausgebrochenen Zirkuslöwen und rannten aufgescheucht ins Dorf, um die wehrfähige Bevölkerung zu alarmieren. Als die tapferen Streiter mit Mistgabeln, Sensen und Dreschflegeln bewaffnet am Neckarufer erschienen, klärte sich der Irrtum auf. Irren ist menschlich, sagte jener Gockelhahn, als er sich aus Versehen in eine schöne Entin verliebte, und so dachten auch die Hendsemer, die von nun an anstatt als "Handschuhsheimer Hasenschlager " mit " Handschuhsheimer Löwen" tituliert wurden.

Der Schlepper, von den Schiffsleuten " Kettenboot " genannt, störte sich daran nicht im geringsten und zog sich in der Folgezeit gemächlich mit seinem halben Dutzend Schleppkähnen an der Schlepperkette, die im tieferen Schleppergraben ruhte, manchmal wütend gegen das "Wehrle" und den " Hackteufel" ankämpfend, bergauf. Die von Kohlenstaub und Rauch geschwärzten Schleppermaschinisten, die in Heidelberg, gegenüber der Fahrtgasse die Kette der sich begegnenden Schleppzuge wechselten, legten im "DeutschenKaiser" (vorher Hotel "Zur Stadt Paris", jetzt Gastwirtschaft "Zum Karpfen") Ecke Neckarstaden-Fahrtgasse, nach getanerArbeit eine ausgiebige Vesperpause ein.

Die Prozedur des Kettenwechsels war gar nicht so einfach, denn die Schlepper - Eisenkolosse konnten ja nicht übereinander schwimmen oder fliegen. Die schwere Eisenkette musste auseinandergenommen, an einer dünneren Kette versenkt, wieder hochgezogen, in die Laufgänge und Triebwalzen eingepaßt und dann wieder zusammengeschraubt werden und das gleich zwei Mal und alles ohne Motor, Schiffsschraube und Schaufelräder. Den Neuheidelberger Neckarschleimern empfehle ich einmal darüber nachzudenken, wie die aufeinandertreffenden Schlepper an einer einzigen Kette hängend, aneinander vorbeikamen, wieder zusammen gekuppelt wurden und trotzdem wieder Abschied nehmen mußten der eine durch die Neue und der andere durch die Alte Brücke. Es gibt ein reizendes Puzzlespiel nach Feierabend. Die Lösung kann im ungünstigsten Falle bei mir ermittelt werden!

Nach der ruhmreichen Löwenschlacht wurden die Handschuhsheimer "Gwedscha" (Zwetschgen) billiger, die "Harzkarsche" (Herzkirschen) williger und die stolzen "Aprikosenschlackl" mit dem scharfen "R" in der Aussprache wurden zugänglicher.

Ich hoffe nicht, daß die ausgegrabene Geschichte die Freundschaft, die sich zwischen Altstadt und Hendesse angebahnt hat "zergniddert". Daß man im schönen Vorort am Ausgang des Siebenmühlentales immer gut aufgehoben war, muß man neidlos anerkennen.

Und wenn man nach Einstellung der Kettenschlepp Schiffahrt einen ausrangierten Kettenschlepper auf dem Neckarvorland beim "Schwarzen Schiff" aufgestellt hätte, ich glaube, Heidelberg wäre um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden und die "Neiemer Radlsume" hätten etwas mehr zum Spielen gehabt und hätten singen konnen:

”Alt Heidelberg, du feine,

Und gleich darauf kommt Neine!”