Der Hackteufel

Just zu Pfingsten kam der Teufel auf seiner Jagd nach Seelen in das liebliche Neckartal. Es ärgerte ihn schon lange, daß die Bewohner von Schlierbach und dem Hausacker eifrige Kirchgänger waren. Sie gehörten nicht zu den Reichen, aber sie waren fleißig und zufrieden mit dem, was ihnen der Neckar bescherte — als Fischer oder als Schiffer und Fährleute.

Nur bei den Wirtsleuten, bei denen die Schiffsreiter und Flößer einkehrten, klimperte etwas mehr Geld im Beutel. Der Teufel dachte: wenn ich den armen Schlukkern ein besseres Leben verspreche, werden sie schon auf mich hören. Darauf machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz für seine “Pfingstpredigt". Er fand eine Felsplatte gegenüber von Kloster Neuburg, von wo aus ihn jedermann hören konnte.

Als sich die Leute zum Kirchgang rüsteten und ihre Nachen zur überfahrt nach Neuburg ans Ufer zogen, begann er laut zu reden. Er versprach den Uferbewohnern reiche Fischzüge und Schutz bei Hochwasser. Da begann das Glöcklein von der Kirche drüben zu läuten: “Kommt rüber! . . . Kommt rüber! ... Kommt rüber!" Die meisten Leute stiegen in ihre Nachen, einige jedoch erklommen den Felspfad, um nehr von den Versprechungen des Teufels zu erfahren. Da trug der Wind den tiefen Klang der Glocken von Heiliggeist in das Tal: “Glaubt ihm licht! ... Glaubt ihm nicht! .. . Glaubt ihm nicht!"

Die Letzten, die noch unschlüssig waren, bestiegen daraufhin ihre Nachen und fuhren zum Kirchgang.

Der Teufel stand allein auf seiner Felsplatte und versuchte vergeblich, die Glocken zu übertönen. Da erfaßte ihn die Wut. Er riß Felsblöcke aus der Wand und schleuderte sie gegen Heidelberg. Die Felsen fielen jedoch in den Neckar, einer lag neben dem ändern. Dort blieben sie liegen und rissen so manches Floß in Stücke.

Die gefährliche Untiefe nennt man seitdem “Hackteufel". Die Flößer, deren Beruf mit zu den gefährlichsten gehörte, kannten die Tücke dieses Engpasses. An einem weit herausragenden Felsen opferten sie dem Neckargeist einen Prügel oder eine Münze, auf daß sie unbeschadet zwischen den Felsen hindurchkämen. Der Stein für das Opfer hieß “Zollstein".

Auszug aus: Ludwig Merz: In Ereignisse und Gestalten - Vom Rhein zum Taubergrund