Die waschechten Neckarschleimer

Um es gleich zu Anfang klarzustellen:

Es geht uns hier um den waschechten Heidelberger, den, der in der Wolle gefärbt ist, um einen unverwechselbaren Schlag also. Er trägt nicht “heimlich die blaue Blume der Romantik im Knopfloch", wie es ihm angedichtet wurde. Der waschechte Heidelberger heißt “Neckarschleimer".

In Gottfried Nadlers Wörterbuch steht die Erklärung: Schleim ist gleich Schlamm, infima plebs, faex populi.

Da das Heidelbergische stets mit dem Neckarwasser verbunden war, bezeichnete man die Lebensalter der Waschechten mit dem der Fische — und tut es auch heute noch, ohne recht zu wissen warum.

“Grambe" sind Säuglinge. “Sume" (Samen) sind die Kleinfische im Neckarschlick und die jungen Borzer bis zum Schuleintritt. Die zehnjährige Sume werden “Schneiderlin" genannt. Nach der Schulzeit sind die Burschen zu ..Schlackl" geworden — wie die Fische — und die Mädchen zu “Maggerlin". Ausgewachsen und gesättigt mit Erfahrungen gibt es, wie gesagt, den “Neckarschleimer".

Man sagt von ihm, er hätte das Herz auf der Zunge, tat viel und laut babble, gern Lumpeliedle singe und noch lieber ein gutes Värdele Woi petze. “Sinn mer luschtig, dhun mer trinke. Sinn mer traurig, trinke mer aach."

Es ist verständlich, daß der älteste deutsche Stammtisch in Heidelberg steht, in der Steingasse, und das Heidelbergische seit altersher nicht nur mit dem Neckarwasser sondern auch mit dem Weinbau und dem Weintrinken verbunden ist. Würde man aber einen der Zechkumpanen am Stammtisch fragen, ob er sich als Pfälzer oder Nordbadener oder Baden-Württemberger begreife, als neckarschwäbischen, rheinfränkischen oder kurpfälzischen Badener, er wüßte keine Antwort. So verzwickt liegen in historischer Sicht die Zusammenhänge.

Die pfälzische Präge- und Ansteckungskraft, sich fremde Wesensart anzuwandeln und die “Reingeflickten" (oder “Hergeloffenen") mählich einzufärben, ist bis heute ungeschwächt. Früher waren es Hugenotten aus Frankreich, Bauern aus Tirol, Tuchweber aus Flamen und Händler aus Italien. Nach dem zweiten Weltkrieg sind es Zuwanderer aus Berlin, aus Sachsen oder aus dem Osten. Sie wurden eingefärbt und werden “Althiesige". Und damit: auf die Lautstärke der Stimme vertrauend, mit der Freude am witzigen Wechselgcspräch (“redsprechig", wie es der Chronist von 1586 vermerkt), raschentzündlich und renommierlustig. Wenn's sein muß “schlitzohrig", schlagfertig, auf die Gefahr hin, sich das Maul zu verbrennen.

Des Waschechten Urteil ist gesund, seine Geselligkeit natürlich, seine Vorliebe für Hausgemachtes hervorstechend. Er ist nicht so verkrischen wie der Überrheiner, und der unbedenklichen Tüchtigkeit der Schwaben fühlt er sich unterlegen. Deshalb verspottet er sie gern, (“bis mir Worscht sache, hat se de Schwob schun g'fresse".) Was ihn nicht hindert, Liebhaber schwäbischer Ideen und schwäbischer Spätzle zu sein.

Mit singendem Redeton vermag der Heidelberger Gedankliches bildhaft zu fassen, es mit Schall und laut rasch auszudeuten. Er hat Gelenk im Hirn. Man rühmt ihm Neigung zum Sinnfälligen und Greifbaren nach, zu gutpfälzischen Flüchen und kraftvollen Sprüchen. Hierzulande ertrinkt man nicht, man versauft. Wer rasch geht, geht “wie im Hui", und wer laut schreit, “kreischt wie ein Dachmarder". Es wird einer “schlohweiß" oder “ritzerot", er zieht sich “puddelnackich" aus und ist “spinneldärr". Wer sich durch eine Schwierigkeit gerade noch so laviert hat, hat sich “durchgebrunzt", klappt es nicht, so muß er “ausfressen", was er sich “eingebrockt" hat. Was die Heidelberger Urlaute betrifft, Schimpfworte, Redensarten und Sprichwörter, so sind die Briefe der Pfalzgräfin Liselotte, die im 17. Jahrhundert geschrieben wurden, immer noch gültig. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, die Pfälzer Liselotte.

Und die Heidelberger Gassenbuben heute stehen ihr nicht nach.

“Ha jo"!

Auszug aus: Adolf Gängel: In Ereignisse und Gestalten - Vom Rhein zum Taubergrund