Hexenverfolgung

"Die hab ich vil sehen verbrennen zu Heidelberg"

Wenn man den Dokumenten glauben darf, wütete der Hexenwahn in Heidelberg "nur" ein halbes Jahrhundert, nämlich zwischen etwa 1450 und 1500. Dafür kann Heidelberg den traurigen Rekord für sich verbuchen, Schauplatz der frühesten Massenhexenprozesse überhaupt gewesen zu sein. Die Scheiterhaufen wurden außerhalb der Stadtmauern am Neckarufer errichtet, um die Stadt nicht der Gefahr einer Feuersbrunst auszusetzen. Nachdem die anfängliche Hysterie um die Wende zum 16. Jahrhundert abgeklungen war, starb in Heidelberg niemand mehr den Feuertod wegen Hexerei, obwohl in anderen Teilen Europas erst jetzt die Massenverbrennungen begannen, die sich noch 250 Jahre fortsetzten. Im Hexenturm hat wahrscheinlich keine "Hexe" auf ihre Hinrichtung gewartet. Er heißt erst seit 1684 so. Früher nannte man ihn einfach Diebsturm oder Gefängnisturm.

Aber lassen wir einen Augenzeugen aus jener Zeit zu Wort kommen; Matthias von Ketmat, den Hofkaplan und Chronisten des Pfälzer Kurfürsten Friedrich des Siegreichen. In der Biographie seines Herrn nimmt er Stellung zum Hexenunwesen; "Die allergrößte Verwirrung und Sekte ist . . . die der Unholden, welche nachts auf Besen, Ofengabeln, Katzen, Böcken und auf anderen Dingen, dazu dienend, fahren. Von ihnen habe ich viele verbrennen sehen in Heidelberg und anderwärts. Das ist die allerverfluchteste Sekte, und sie gehören ohne Erbarmung mit viel Feuer verbrannt. ... Im Jahre 1475 verbrannte man zwei Frauen auf dem Dilsberg, von denen eine bekannte, daß sie ihren Nachbarn am Kopf krank gemacht habe, denn Sie habe ihm ein Haar genommen und in einen Baum gestoßen; dieses Haar in dem Baum fand man später." (12) Auch von anderem Schadenzauber weiß er zu berichten, von tödlichen Salben und Pulvern, die aus den Leichen satangeweihter Kinder gewonnen werden: "Die Salbe brauchen sie dazu: Wenn sie jemanden damit bestreichen, so muß derselbe eines bösen Todes sterben, und zwar plötzlich. Ebenso machen sie Pulver aus den Eingeweiden, der Lunge und der Leber, und so es neblig ist, werfen sie das pulver in den Nebel, der zieht es auf in die Luft. Diese Luft ist nun vergiftet, so daß die Leute plötzlich sterben oder sonst eine Krankheit bekamen, und das ist der Grund, daß in etlichen Dörfern die Pest herrscht, während man in der nächsten Nähe frisch und gesund sein kann."

In der Tat gab es ausreichend Anlaß, Hexen des Schadenzaubers zu bezichtigen. Seuchen, Hungersnöte, Dürren, Überschwemmungen, Unwetter, Erdbeben, Feuersbrünste waren an der Tagesordnung - so ist den Chroniken zu entnehmen. Allein zwischen 1407 und 1491 bricht die Pest ein dutzendmal in Heidelberg aus. 1470 trägt ein Hochwasser die hölzerne Brücke weg. Im Sommer 1473 macht eine anhaltende Hitzeperiode mit ausgedehnten Waldbränden der Bevölkerung zu schaffen. Im darauffolgenden Jahr tobt ein Orkan über Europa vom Rhein bis nach Ungarn. 1481 werden die Menschen von Mißernte, Teuerung und Hungersnot heimgesucht, 1491 von Kochwasser und einem strengen Winter. 1501 regnet es “rote Kreuze”!, die erst neun Tage später von den Kleidern verschwinden. Dieser sog. Blutregen wird als Vorbote der Pest gedeutet, die auch im folgenden Jahr tatsächlich auftritt. Heidelberger Hexen müssen also unermüdlich am Werk gewesen sein.

Übrigens hatten sie auch ihren Treffpunkt. Von Kemnat erfahren wir über die Hexe Johanna, die wohl 1447 das erste Opfer der Hexenjagd wird, und über andere Frauen aus der "Versanmlung der nachtfahrenden Leute, Unholden, Zauberinnen, welche die Katzen und Besen reiten, und man behauptet von denen aus Heidelberg, daß sie über den Heiligenberg auf die Angelgrube und die Kurnau fahren." Die Gegend "Auf der Angelgrube" ist der Paß, der heute "Langer Kirschbaum" heißt, nahe bei Wilhelmsfeld, wo der Abhang, der in den Anfang des Schriesheimer Tales hinabfällt, noch heute den Namen "Angelgrube" trägt. Die Kurnau (= Mühlau) ist das Schafbachtal , das nach Schönau führt und in dem Mühlen lagen, die für das Kloster Schönau tätig waren. Die Höhe im Westen, die Gegend um den "Münchelpaß", wird heute noch als (Hexen-)Tanzplatz bezeichnet. Der Ausgewogenheit halber soll nicht verschwiegen werden, daß in Heidelberg einer der wichtigsten Gegner der Hexenprozesse wirkte: Augustin Lerchheimer, 1524 geboren, an der Universität als Professor für Mathematik und Philosophie und ein Jahr lang als Rektor tätig. Unter diesem Namen, einem Pseudonym, veröffentlichte er im Jahre 1585 eine kritische Schrift über Hexenprozesse mit dem Titel "Christlich bedencken und erinnerung von Zauberey, woher was und wie vielfeltig sie sei", obwohl er selbst an Zauberei und Hexerei glaubte.

Bei seinem Traktat vermied er jedweden wissenschaftlichen Tenor, wohl um die Aufdeckung seines Pseudonyms noch weiter zu erschweren, denn wer dem Hexenwahn entgegentrat, riskierte selbst angeklagt und verbrannt zu werden. Obgleich ein Sammelsurium von Zauber- und Hexengeschichten , war Lerchheimers Schrift als Beitrag zur Humanisierung des Prozeßablaufes gedacht. Die Obrigkeit sollte sich fragen, ob der Hexenprozeß - ein Schnellverfahren mit Einheitstodesstrafe - den Anforderungen der Gerechtigkeit genüge. Kritisch beleuchtete er das Nebeneinander von weltlicher und geistlicher Gerichtsbarkeit. Da er die Vorschriften der "Carolina" als allein gültiges Gesetzbuch für den Hexenprozeß

Bachtet wissen wollte, war die Existenz der bischöflichen Gerichte, die auf der Grundlage des "Hexenhammers" Recht sprachen, aus seiner Sicht überflüssig. Hinsichtlich der Prozeßpraxis der weltlichen Gerichte setzte er sich für die Abänderung des angewandten Strafprozeßrechts ein. Er sprach sich gegen die Anwendung der Folter aus, da diese in vielen Fällen die Grundlage zu Fehlurteilen geschaffen habe. Ebenso mißbilligte er die Beweisführung, die stets zu Lasten der Angeklagten gehe. Bedauerlicherweise hatte Lerchheimers Schrift keinen meßbaren Einfluß auf die Prozeßführung, und der Autor selbst hatte dies wohl vorausgeahnt. So blieb ihm nichts anderes, als an die Milde und das Gerechtigkeitsgefühl der Richter zu appellieren: "... besser ists zu barmhertzig dann zu rauh zu sein, gerade in so verwirreter, irrsamer und unverständlicher Sach. Es bestätigen und vergewissern mich in dieser meiner Meinung viel hochverständige, gelehrte und ungelehrte Männer, die ob dieser Strenge und Teuffels Brandopfem eein Unwillen, Mißfallen und Abscheu haben. Sie begehren und wünschen, daß eine Milderung und Maß darin gehalten werde, und daß man solche Weiber eher zum Arzt und Kirchendiener, dann zum Richter oder Schultheiß führe, damit ihnen von ihrem Aberwitz, Unsinnigkeit und Unglauben geholfen werde.

Aus: Heidelberg im Mittelalter: MÖPAD, 1987